Ist der westliche Buddhismus nur ein romantisches Missverständnis?

Ṭhānissaro Bhikkhu, auch „Ajaan Geoff“ genannt, „ist ein US-amerikanischer Buddhist der Theravada-Tradition, der als Mönch des Thammayut-Ordens der thailändischen Waldtradition angehört.“ Im Jahre 2012 erschien die überarbeitete Fassung eines Aufsatzes, den Ṭhānissaro Bhikkhu im Jahre 2006 über denBuddhistischen Romantizismus“ schrieb. Dort behauptet er, die geistige Strömung in der deutschen Philosophie und Literatur des frühen 19. Jahrhunderts habe maßgeblich das geprägt, was wir heute unter „Romantik“ verstehen, diese wiederum habe einen entscheidenden Einfluss auf den westlichen Buddhismus (gehabt). Die Autoren dieser Zeit und die aus ihnen schöpfenden heutigen Epigonen lehrten eine Einheit von Körper und Geist, Mensch und Mitmensch, von Mensch, Natur und Kosmos.1 Westliche Anhänger des Buddhismus hätten so die Lehre des Nicht-Selbst lediglich als eine nicht bestehende Grenze des Individuums zu seiner Umwelt interpretiert. Wären wir frei vom Ego, lebten wir im Frieden. Nach dem traditionellen Dharma sei aber diese Interdependenz unstabil. Der Dharma lehre Aufopferung und Zurückgezogenheit.2 Die erwachte Person könne nie mehr hinter den einmal erreichten moralischen Zustand zurückkehren, sei vollkommen von allen weltlichen Anhaftungen geheilt. Diese Wandlung basiere nicht auf Gefühlen, sondern auf Einsicht. Ebenso sei das Erwachen nicht die Einsicht in die Verbundenheit mit dem Kosmos und allen Lebewesen, sondern die Auslöschung des Anhaftens.3

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen der „Einsicht in die Verbundenheit mit dem Kosmos und allen Lebewesen“ und der „Auslöschung des Anhaftens“. Beides bedingt sich meines Erachtens. Ohne das Eine gibt es nicht das Andere. Grundsätzlich teile ich den Zweifel des Autors daran, dass der Dharma nicht in seiner urprünglichen Fassung, sondern in eher Moden unterworfenen Varianten die westliche Welt beinflusst. Oft ist er eher modernen, oder „romantischen“ Denk- und Fühlbedürfnissen angepasst und entspricht zuweilen damit nicht mehr der von seiner Gründergestalt intendierten Gestalt und Form. Der Buddhismus ist eine Lehre der Selbstreflexion. Das Denken, sofern es sich auf empirisch gewonnene Anschauungen bezieht, spielt in ihm eine entscheidende Rolle.4 Dies widerspricht der in einigen buddhistischen Kreisen vorherrschenden Rationalitätsfeindlichkeit.

Viel über das Erwachen und die „Erleuchtung“ zu sprechen verhindert einen Fortschritt auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Die Vorstellung, dass irgendwann die Zweifel alle gelöst seien und der Mensch aus eigenen Antrieb vollkommen erwachen und dann, ähnlich wie die schöne Seele in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren, nie mehr auf eine niedrigere moralische Stufe zurückfallen kann, halte ich für bedenklich und naiv. Einer der ersten westlichen Zen-Meister, Ferdinand Lasalle, meinte einmal, dass mit der Erleuchtung die Arbeit erst anfange. Andererseits kennt das Zen viele Begebenheiten mit Schülern, die zwar große Erkenntnisfortschritte machten und Sartori erlangten, deren moralische Entwicklung aber nicht mit Schritt hielt.

„Western students discovered that they could relate to the doctrine of dependent co-arising when it was interpreted as a variation on interconnectedness; and they could embrace the doctrine of not-self as a denial of the separate self in favor of a larger, more encompassing identity with the entire cosmos.“

Der Autor scheint mehr als 1500 Jahre buddhistische Geschichte kaum rezipiert zu haben. Die in obigem Zitat gezeigte Auffassung basiert m.E. nicht auf einem europäischen Missverständnis. Wir finden solche Gedanken bereits in China und Korea ab dem fünften Jahrhundert. Das bekannte indische Avatamsaka-Sutra, das im chinesischen Buddhismus im sechsten Jahrhundert erstmals breit rezipiert wurde,5 ist ein Beispiel für die Lehre der allgegenwärtigen Verbundenheit. In China vertraten etwa Xuanzeng (596-664) oder Fazang (643-712) die Lehre einer wechselseitigen Durchdringung aller Elemente der Welt. In Korea lehrten die Meister Wonhyo (617-686) und Uisang (625-702) die Interdependenz der Daseinsfaktoren. („One is all, all is one. One is identical to all. All is identical to one“6). Es mag allerdings zutreffen, dass schon frühe, in ähnlicher Weise im Buddhismus formulierte Anschauungen später in bestimmten Perioden und Regionen der westlichen Kulturgeschichte besonders zur Geltung kamen.

Grundsätzlich halte ich es für richtig zu sagen, der Buddha lehre, dass es keine wesentliche Grenze zwischen den Individuen und ihrer Umwelt gibt. Eine andere Frage ist, wie sich dies sprachlich darstellen lässt, wohl nur ungenügend. Daher kommt sicher auch das Befremden, das sich einstellt, wenn man Beschreibungen der Erlebnisse liest, die dies veranschaulichen wollen.

Der Buddha sagte selbst einmal zu seinem Jünger Ananda, dass seine Lehre keine 500 Jahre überdauert.7 Was meinte er wohl damit? Sicherlich postulierte er keine statische Lehre, keine sich über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende nicht oder nur sehr wenig verändernde Religion. Das stände im Widerspruch mit grundlegenden buddhistischen Lehren des Wandels aller Dharmas. Es ist erstaunlich, dass viele Anhänger des Buddhismus einerseits die Lehre vom Wandel und der Leerheit aller Dinge vertreten, diese Lehre aber nicht selbst auf die buddhistischen Lehren anwenden wollen. Vermutlich entspringt dies dem Bedürfnis des besonders religiösen oder spirituell suchenden Menschen, etwas Unvergleichliches schwarz auf weiß zu besitzen, an das er sich für immer festhalten kann. So betrachten bestimmte Gruppierungen des protestantischen Christentums das Neue Testament als verbindliches und autoritatives Wort Gottes, an dem sich nicht rütteln lässt, und für viele Anhänger des Islam ist eine historische Koran-Forschung Blasphemie.

Um der Fortentwicklung der buddhistischen Lehre einen Sinn abzugewinnen, hilft vielleicht ein Exkurs in die Bahá´í-Lehren. Diese gehen davon aus, dass jedes Zeitalter bestimmte vergeistigte, vorbildliche und charismatische Menschen erfordert und hervorbringt. Diese brächten die Entwicklung der Menschheit weiter. Die Bahá´í unterscheiden auch zwischen absoluter und relativer Wahrheit. Es gebe einen Kern von verbindlichen Normen, aber dann auch eine Gestalt religiöser Lehren und Offenbarungen, die sich fortlaufend verändere.8

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Ist nicht gerade ein Festhalten an einer „urprünglichen, unverfälschten Lehre“ ein romantisches Ansinnen im Sinne einer Abkehr von der Zivilisation, eines „Zurück zum Ursprünglichen“ eines „Zurück zur Natur“?

Sich selber anzuschaun, der Schöpferkraft bewußt,
Erschuf Gott die Natur, den Spiegel seiner Lust.
Im Anblick der Natur, wenn du dich fühlst erbaut,
Da hast du ihn belauscht, der in den Spiegel schaut.9

Friedrich Rückert (1788- 1866)

Ist es nicht gerade in der modernen Gesellschaft besonders schwer, den Dharma zu verwirklichen? Offenbar suchen einige Menschen, die mit den Zumutungen und Widersprüchlichkeiten der Moderne nicht zurechtkommen, die die unendlichen Möglichkeiten und Risiken der modernen Gesellschaft nicht ertragen, ihr Heil in einem rückwärtsgewandten Einsiedler-Dasein.

Nach dem Gleichnis von der Udumbara-Blume10 übertrug der Buddha den Dharma auf Mahakashyapa in Form einer Blume. Mahakashyapa lächelte und verstand die Bedeutung der Geste des Buddhas. Die Transmission des Dharma sei geschehen durch diese wortlose Interaktion, so glauben viele Buddhisten. Was ist eine Blume? Ein Teil des Universums, der nur durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren (Licht, Wasser, Nährstoffe, Sauerstoff etc.) ins Leben gerufen wird und am Leben bleiben kann. Die Blume kann nicht ohne ihre Umwelt existieren. Der Buddha zeigte durch die Blume die Verwobenheit aller Lebewesen und Daseinsfaktoren.

Gegenwärtige buddhistische Lehrer, die die Interdependenz aller Daseinsfaktoren lehren, wie der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh, gehen nicht von einem „stabilen“ Intersein aus. Natürlich ändern sich auch die Verhältnisse der Daseinsfaktoren untereinander, gegeben dagegen scheint nach dieser Lehre zu sein, dass die Dharmas (oder „Erscheinungen“ wie Karl Eugen Neumann auch dieses mehrdeutige Wort übersetzt) keine voneinander isolierten Entitäten sind.

Es ist ziemlich sicher, das die Übertragung des Dharma von Gautama Buddha auf Mahakashyapa in Form des Gleichnisses der Udumbara-Blume nicht in Indien, sondern in China entstanden ist, da uns in den Sûtra aus Indien diese Geschichte nicht überliefert ist,“

schreibt Prof. Dr. Yudo J. Seggelke.

„Daher gab es von einigen Buddhisten die Kritik, dass das Gleichnis der Udumbara-Blume nicht authentisch sei und daher keine große Bedeutung für den wahren Buddhismus habe. Meister Dôgen lehnt eine solche Kritik grundsätzlich ab, weil auch die Sûtra außerhalb von Indien, die von wahren buddhistischen Meistern entwickelt, eingebracht und weiter übertragen werden, wahrer Buddhismus sind und nicht gering geschätzt werden dürfen. Er spricht von den großen chinesischen Meistern auch oft als von ewigen Buddhas und meint damit nicht nur Gautama Buddha, sondern auch seine großen Nachfolger, die voll erwacht waren und den wahren Buddhismus in ihrem Leben verwirklicht hatten.“

1 „The basic spiritual illness. Romantic/humanistic psychology states that the root of suffering is a sense of divided self, which creates not only inner boundaries — between reason and emotion, body and mind, ego and shadow — but also outer ones, separating us from other people and from nature and the cosmos as a whole.“ This act integrates the divided self and dissolves its boundaries in an enlarged sense of identity and interconnectedness with other human beings and nature at large. Human beings are most fully human when free to create spontaneously from the heart. The heart’s creations are what allow people to connect.“

2 „Traditional Dharma calls for renunciation and sacrifice, on the grounds that all interconnectedness is essentially unstable, and any happiness based on this instability is an invitation to suffering.“

3 The Dharma, however, teaches that the essence of suffering is clinging, and that the most basic form of clinging is self-identification, regardless of whether one’s sense of self is finite or infinite, fluid or static, unitary or not.

4 Georg Grimm, Die Lehre Des Buddho. Die Religion Der Vernunft Und Der Meditation, ed. M. Keller-Grimm (Wiesbaden – Wien: R. Löwit – Salzer – Ueberreuter, 1979).

5 Edward Conze, Eine kurze Geschichte des Buddhismus. Titel der Originalausgabe: A Short History of Buddhism, hg. & übers. von Friedrich Wilhelm (Suhrkamp, 1986), 106 ff.

6 Jogye Order of Korean Buddhism und Sungshim Hong, Hrsg., The Great Seon Masters of Korea (Seoul: Eastward, 2007).

7 Dazu auch: Ibid., 11f.

8 Ähnlich heißt es bereits bei Nagarjuna: „Die Buddhas, von zwei Wahrheiten (satya) abhängend, lehren den lebenden Wesen (sattva) die Lehre (dharma); die eine (ist die) Wahrheit des weltlichen Umgangs (loka-vyavahara), die andere ist Wahrheit des höchsten Sinnes (paramartha- satya).“ (XXIV. 8.) „Wenn ein Mensch die zwei Wahrheiten nicht erkennen (und) unterscheiden kann, dann erkennt er nicht in der tiefen Buddha-Lehre die echte und tatsächliche Bedeutung.“ (XXIV. 9.) [Indische Philosophie: Die mittlere Lehre des Nagarjuna. Asiatische Philosophie – Indien und China, S. 23353, vgl. Nagarjuna, S. 158]

9 Rückert: Die Weisheit des Brahmanen. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke (Digitale Bibliothek, S. 89082), vgl. Rückert-Werke Bd. 2, S. 88

10 Dogen Zenji, Shobogenzo – The Treasure House of the Eye of the true Teaching – A Trainee’s Translation of Great Master Dogen’s Spiritual Masterpiece, übers. von Hubert Nearman (Mt. Shasta: Shasta Abbey Press, 2007), S. 116, 195, 600, 625, Kapitel 57, 68, 66 Kapitel, S. 761: “When the Flower comes into bloom, the whole world arises.”.

Ist der westliche Buddhismus nur ein romantisches Missverständnis?

Abenteuer und gesellschaftlicher Zwang – Eine Erinnerung an einen Übermenschen

In der Jugend zogen mich einige Schriftsteller in ihren Bann.  Einer von ihnen starb heute vor 100 Jahren. Zu Lebzeiten war er äußerst erfolgreich; auch im vergangenen Jahrhundert beinflussten seine Bücher diejenigen, die aussteigen wollten und fragend das Abenteuer suchten. Wie bekannt ist er heute?

Ich verschlang seine Bücher und wartete auf neue Verfilmungen seiner Werke, ob es nun „Der Seewolf“ war, „Lockruf des Goldes“, „König Alkohol“, „Die Zwangsjacke“ oder seine zahlreichen Kurzgeschichten. Er schilderte meisterhaft die Schönheit der Natur, aber auch ihre Unerbittlichkeit, den ewigen Kampf der Elemente und Lebewesen um einen besseren Platz unter der Sonne. Dieser Schriftsteller lebte mit äußerster Intensität und Konzentration. Er prägte sich das Wissen für die Aufnahmeprüfung der Universität in drei Monaten ein. Nicht zuletzt deutsche Intellektuelle beeinflussten sein Werk. In gewisser Weise verkörperte er die Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft und die Zeitströmung, die damals in westlichen Ländern weit verbreitet war. Er war sozialistischer Bürgermeisterkandidat in Oakland, verherrlichte aber andererseits den „Survival of the fittest“.

Vor kurzem las ich „To Build a Fire“ in der Originalversion. Ich hörte förmlich das brennende Holz knistern, spürte die klirrende Kälte eines arktischen Tages und litt unter der Verzweiflung des Protagonisten. Hätte Jack London ein gesünderes, aber weniger intensives Leben geführt, also weniger Drogen zu sich genommen, wäre er nicht so früh gestorben. Aber vielleicht gehörte das zu seinem Leben, vieleicht wollte er nicht ein langsames Verlöschen seiner Lebenskräfte, sondern die Fackel sollte kurz, aber dafür sehr hell brennen.

Abenteuer und gesellschaftlicher Zwang – Eine Erinnerung an einen Übermenschen

Umzug

Es ist nun fünf Jahre her seitdem ich keinen Blog-Beitrag mehr geschrieben habe. In der im Internet veröffentlichten Zeit, turbulent, nur noch von kurzen Aufmerksamkeitsspannen beherrscht, ist das eine Ewigkeit.

Damals merkte ich, dass das Blogschreiben, so wie ich es betrieb, recht aufwändig
ist. Manche Blogschreiber verfassen ihre Beiträge schnell. Sie sind talentiert, eben die geborenen Schreiber, oder sie schreiben einfach so aus dem Bauch heraus. Letzteres ist
nicht meine Sache. Ich hinterlasse ungerne Unausgegorenes, möchte meine Leser auch nicht mit weitschweifigen Ausführungen über Randbereiche meines Innenlebens
langweilen.

Ich schätzte, damals auf Gleichgesinnte zu stoßen, sie gar als „Freunde“ einzuladen, den Blog zu begleiten, wenngleich ich den Begriff „Freund“ für jemand, den man oft nur oberflächlich kennt, nicht passend halte. Es war mir kein Anliegen, in möglichst kurzer Zeit, eine große Zahl von „Freunden“ um mich zu scharen, wie das andere Blogger tun oder getan haben. Einige zuverlässige Beziehungen in der Blogosphäre waren mir wichtiger.

Ich schätzte, damals auf Gleichgesinnte zu stoßen, sie gar als „Freunde“ einzuladen, den Blog zu begleiten, wenngleich ich den Begriff „Freund“ für jemand, den man oft nur oberflächlich kennt, nicht passend halte. Es war mir kein Anliegen, in möglichst kurzer Zeit, eine große Zahl von „Freunden“ um mich zu scharen, wie das andere Blogger tun oder getan haben. Einige zuverlässige Beziehungen in der Blogosphäre waren mir wichtiger.

In dieser Zeit der Blogabstinenz habe ich das eine oder andere angestoßen und abgeschlossen. Ob ich allerdings meine Zeit als nicht aktiver Blogger überwiegend rational eingesetzt habe, ist fraglich. Ich habe mich wohl öfter dem Parkinsonschen Gesetz gebeugt, demnach Arbeit sich genau in dem Maße ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Das Dumme am Parkinsonschen Gesetz ist nur, dass mit „Arbeit“ nicht notwendigerweise sinnvolle Arbeit gemeint ist. Haben wir mehr Zeit, füllen wir oft „Zeitlücken“ gerade nicht mit den wesentlichen Dingen. So verlieren wir heute viele kostbare Lebenszeit durch nicht wachsame Aktivitäten im Internet.

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Umzug

Systemabsturz – Japan und die Welt

Die atomare Bedrohung in Korea geht dieses Mal nicht vom koreanischen Norden aus; auch nicht vom Süden des Landes, vom „atomaren Schutzschirm“ – gemeint, aber nicht öffentlich gesagt, ist hiermit natürlich kein funktionierendes Raketenabwehrsystem, denn das gibt es (in Südkorea) nicht, sondern die mobilen luft- und seegestützten Abschussrampen für amerikanische Atomsprengköpfe. Dieses Mal droht die Gefahr aus Japan. Die Koreaner, mit denen ich sprach, befürchten aber nicht so sehr, dass radioaktive Partikel von dem 1187 Kilomenter von Seoul entfernten Fukushima in den Westen nach Korea herüber wehen (Tschernobyl war mit 1612 Kilometern weiter von der früheren deutschen Hauptstadt Bonn entfernt). Denn die öffentlichen Forschungsinstitute geben Entwarnung – wahrscheinlich aus denselben Gründen wie in Japan. Die Bevölkerung soll ruhig bleiben, keine Zweifel an der Stromversorgung durch die Kernergie sollen wachwerden. Schließlich bezieht Südkorea 31% seines Stromes aus 18 Kernkraftwerken. Zudem zeigt die Windrichtung derzeit noch gen Osten; eher ist derzeit das mehrere Tausende Kilomenter entfernte Kalifornien von radioaktiven Partikeln betroffen. Allerdings befürchten Koreaner, die sich im Internet artikulieren, radioaktiven Niederschlag in Korea oder kontaminierte Lebensmittel.

Distance-Fukushima-Seoul
Entwarnung für Südkorea?

Das Panorama der Stimmungen in Korea angesichts der Katastrophe ist groß. Der staatliche koreanische Sender KBS berichtetete in den vergangenen Tagen ständig über die Erdbeben- und Atomkatastrophe in Fukushima. Der Sender YTN strahlt von morgens bis abends ununterbrochen aktuelle Berichte aus über das Erdbeben und die zerstörerischen Fluten. Gleichgültigkeit angesichts des Leides im Lande der ehemaligen Kolionalherren, Interesse, Mitleid mit den Menschen dort, Hilfs- und Spendenbereitschaft wechseln sich ab. Hier geht es weiter

Systemabsturz – Japan und die Welt

Streifzug durch den Bukhansan Nationalpark I

Schattenspiel
Schattenspiel

In Südkorea gibt es mittlerweile 20 Natur- und Kulturparks. Der mit fünf Millionen Besuchern jährlich am meisten frequentierte, wenn auch nicht der größte, ist der Bukhansan-Nationalpark. Er erstreckt sich über eine Fläche von 80 km2 und liegt im Norden von Seoul. In ihm kann man sich von der Natur beeindrucken lassen, in ihm finden wir auch eine Reihe von buddhistischen Tempeln, so auch den Mangwol-Tempel.

Wieder besuchten wir am vergangenen Wochenende diesen Tempel, ausgehend von der U-Bahn Station Mangwolsa (Linie 1, Stationsnr. 113). Von der U-Bahn Station hat man zu Fuß in gut 60 – 90 Minuten den Tempel erreicht. Dieser liegt etwa auf der Mitte des Weges zum Gipfel des Dobongsan (740 Meter). Während die Etappe bis zum Tempel recht schweißtreibend ist, führt von dort
bis zur Bergspitze ein weniger anstrengender Weg. Von oben bietet sich ein großartiger Blick auf die nördlichen Stadtteile von Seoul, auf die Häusermeere von Nowon und Uijeonbu. Kein Wanderweg führt zum Tempel, auch kein Spazierweg.

Steiniger Aufstieg
DSC_0107 Steiniger Aufstieg

Ehre dem Amita Buddha
Ehre dem Amitabuddha

Denn in Korea lässt sich fast nie genüsslich durch den Wald wandern, geschweige denn schlendern. Meistens geht es steil bergauf oder steil bergab über Stock und Stein; gute Wanderschuhe sind kein Muss, aber sicher ein Plus bei diesen felsigen Touren. Koreaner nennen das Dngsan-hada, was vielleicht mit Bergwandern übersetzt werden könnte.
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Zaungast am Wegrand – koreanisches Eichhörnchen

Was treibt die Koreaner in die Berge? Ist es das Bedürfnis nach Sport (Koreaner tragen meist eine spezielle Bergsteigerkluft, in Geschäften am Berghang erhältlich) oder Liebe zur Natur? Ist es die Neigung zur Geselligkeit (Man wandert selten allein, meistens in der Gruppe oder mit der Familie), der Wunsch nach einem Wettkampf in der Freizeit (viele hasten um die Wette, wer den Gipfel zuerst erreicht), oder ist es schlicht das Bestreben, sich den alltäglichen Frust wegzustrampeln? Vielleicht ist es eine Mischung dieser Faktoren, die die Koreaner zum Bergwandern motivieren. Bei einigen Gruppen scheinen wenige Gründe zu überwiegen. Kollegen, die zusammen in die Berge gehen, sind offenbar der Geselligkeit und dem Alkohol geneigt. Schon um die Mittagszeit kommen uns einige Wanderer, hastig den Abhang hinabsteigend mit Schnapsfahnen entgegen.

Streifzug durch den Bukhansan Nationalpark I

Pressemitteilung der 9/11 Wahrheitsbewegung

Am 11. September 2010 stellte ich in diesen Blog eine als Video erschienene Pressemitteilung von Massimo Mazzucco. Sie kam an diesem Tag anlässlich des Gedenkens an den 11. September 2001. Mittlerweile ist dieses Video offenbar nicht mehr verfügbar. Anstattdessen möchte ich hier auf die im Juli mit deutschen Untertiteln erschienene Reportage „Der Teufel steckt im Detail – 9/11 Wahrheitsbewegung – Deutsch“  verweisen. (Siehe auch: 11. September 2001: Alternative Theorie und welche Reaktionen sie auslöst, 11. September 2001: Das Geschehen am Tag, 11. September 2001: Die Folgen der offiziellen Version, Acht Jahre danach – Gedenkroutine und Verdrängung)

Unten habe ich den im Video von Mazzucco verlesenen Text ins Deutsche übertragen. Es liegt wirklich mittlerweile eine beindruckende Liste von Personen und Organisationen vor, die die offizielle Erzählung der Ereignisse vom 11.9.2001 in Frage stellen. Allerdings begegne ich immer noch Leuten, die davon sprechen, es sei „erwiesen, dass Al-Qaida“ die Anschläge ausgeführt habe – und die dann auf die Frage nach den Ursachen des Zusammensturzes von WTC 7 sprachlos sind (darunter leider auch Universitätslehrer), nicht weil sie das wie nicht erklären könnten, sondern einige wissen gar nicht, dass das WTC 7 ohne Flugzeugkontakt fast in Freifallgeschwindigkeit eingestürzt ist.

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Pressemitteilung der 9/11 Wahrheitsbewegung

Der Sommer bleibt – Kampf der Naturgewalten I

Heute Morgen ist es drückend schwül gewesen. Dennoch sind wir zum nahegelegenen Chungrangtschon-Fluss geradelt und gejoggt, um dann am Ufer entlang zu laufen. Dieser Fluss ist im Sommer ein Flüsschen, in der Regenzeit kann er sich in einen reißenden Strom verwandeln.

Der Sommer weicht nicht. Man kann noch problemlos mit dem Nötigsten bekleidet im Haus verweilen. Die Ventilatoren laufen, der Griff zum Schalter der Klima-Anlage lockt. Sie ist nicht gerade gesund. Obendrein pumpt man auf diese Weise viel CO2 in die Atmosphäre. Viele koreanische Haushalte, Geschäfte, Firmen, Behörden und andere Organisationen kümmern sich nicht um die gesundheitlichen oder umweltspezifischen Nebenwirkungen des „Aircon“ – so heißt hier die Klima-Anlage. Von der Notwendigkeit, den menschlichen Anteil am Klimawandel zu begrenzen, scheint hier niemand etwas gehört zu haben.

Sanggey_Hof

Mit dem Sommer bleiben auch die Zikaden, oder wie die Koreaner sagen: die Mämi. Warum heißen sie so? Weil sie immer mäm, mäm, mäm machen. (Hunde machen in Korea mong mong, Katzen jaong jaong und die Schweine ggul ggul). Das Geräusch dieser auf den Bäumen und in den Sträuchern hockenden Insekten ist manchmal, auch mitten in der Stadt!, wirklich ohrenbetäubend; ich habe so etwas in Deutschland nicht gehört: Der Klang schwillt wie eine Welle an und ebbt dann wieder ab.

http://ge.tt/9a7vwtY2

Szenerie in einem Hof eines koreanischen Gebäudekomplexes in Nowon: Kinder, Zikaden, Warnsignale von Autos, beschäftigte Menschen …

Mittags entlud sich dann ein Gewitter, das gewaltigste, was ich bisher in Korea hörte: Zwei bis drei Stunden blitzte, prasselte und krachte es. Im Stadteil Nowon, in dem wir leben, hat der Blitz etwa ein Dutzend Wanderer erwischt, die in einer Hütte Unterschlupf finden wollten.


http://ge.tt/9a7vwtY2

Prasselnder Regen, Gewitter, Donner, Wind …

Der Sommer bleibt – Kampf der Naturgewalten I

Tag der Demütigung vor hundert Jahren

Aus verschiedenen Gründen kann man in Korea in ein Wespennest treten. Die Beziehung Koreas zu seinem nordöstlichen Nachbarn, Japan, ist eines der Themen, bei denen Vorsicht in Gegenwart von Koreanern angebracht ist. Hier flammen schnell patriotische Gefühle auf, kritische Bündnistreue bis Distanz  – bei den eher konservativen Kräften, unverhohlene Abneigung unter den Linksliberalen und offene Feindschaft des Regimes im Norden. Eines der Stützpfeiler und Legitimationsquellen Nordkoreas ist seine scheinbar eigenständige und erfolgreiche Vertreibung der Japaner im Jahre 1945 und eine Feindschaft gegen Japan, die es aufgrund einer Mischung von Vergeltung und Wachsamkeit immer aufrecht zu erhalten gilt.

Am 22. August 1910 musste sich Korea, wieder einmal in den vorhergehenden Jahren unter die Räder der Großmächte gekommen und dann schließlich von japanischen Streitkräften besetzt, durch einen japanisch-koreanischen Annexions-Vertrag der japanischen Oberherrschaft beugen. Das Ereignis ist in Korea auch bekannt als „Gyeongsul Gukchi“, als Demütigung der Nation im Jahre 1910. Es folgten 35 Jahre japanischer Herrschaft und Ausbeutung bis 1945, die allerdings auch mit einer Verbesserung der Infrastruktur des Landes einherging: Das Bewässerungssystem wurde modernisiert, das Bildungs-, Rechts- und Verwaltungssystem reformiert.

Die Japaner versuchten systematisch die Koreaner ihrer Kultur zu berauben. „In den Schulen wurde ausschließlich in Japanisch unterrichtet, die Bevölkerung wurde gezwungen, ihren Namen ins Japanische zu ändern, bei jeder öffentlichen Zeremonie wurde ein Treueid auf den japanischen Kaiser geleistet und die Bürger wurden zum Besuch von Shinto-Schreinen angehalten“, schreiben Hanns und Ivo M. Maull in ihrer Einführung in die Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur Koreas. Ironie der Geschichte: Heute geben sich viele Koreaner freiwillig! selbst westliche Namen, weil sie glauben, mit westlichen oder englischen Namen erfolgreicher zu sein.

Doch zurück zur japanischen Besetzung. Nicht nur im Land selbst herrschten die Japaner mit drakonischen Mitteln. Zehntausende Koreaner mussten in der japanischen Armee dienen, nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die als „Comfort Women“ den japanischen Soldaten „dienten“. Zudem griff Japan auf hunderttausende billige Arbeitskräfte – man könnte auch sagen Arbeitssklaven – aus Korea zurück. Ein großer Teil von ihnen verlor ihr Leben im Zweiten Weltkrieg.

Entschuldigungen aber keine individuellen staatlichen Reparationen

Die Koreaner sahen allerdings nicht untätig zu, wie Japan ihr Land zusehends okkupierte und japanisierte, wie zahlreiche Aufstände zeigen. Der bekannteste dieser Aufstände ist der vom 1. März 1919. Anläßlich von Beerdigungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Kaiser Kojong kam es an diesem Tag zu einem gewaltfreien Aufstand gegen die japanische Besatzungsmacht. Der Wunsch nach Unabhängigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Korea und die Japaner, überrascht von der Wucht der koreanischen Bewegung, schlugen diesen Aufstand blutig nieder. Die Enzyklopädia Britannica spricht von 43000 verhafteten, 10000 verurteilten und 7000 getöteten Koreanern im Gefolge dieser Erhebung.

Die Japaner hegen Sympathie für ihre Soldaten. Viele gelten als Kriegshelden, wenige als Kriegsverbrecher. Die japanische Regierung hat sich einige Male entschuldigt für Verbrechen, die sich in ihrem Namen während des Zweiten Weltkriegs ereigneten. Diese Entschuldigungen gehen den Koreanern jedoch nicht weit genug. Eine symbolische Geste, wie der Kniefall Willy Brandts in Warschau, ist jedenfalls bis heute nicht erfolgt. Nach Gebhard Hielscher hat  „Japan nach der Wiedererlangung seiner Souveränität auf jegliche Strafverfolgung japanischer Staatsbürger wegen Kriegsverbrechen verzichtet“ (Cicero, Magazin für politische Kultur, August 2010, S. 36). Tokio sei auch bisher nicht bereit gewesen, „Opfern japanischer Kriegsverbrechen  oder ehemaligen Zwangsarbeitern irgendwelche individuellen Entschädigungsansprüche gegen den japanischen Staat zu gewähren“.

Tag der Demütigung vor hundert Jahren

Heute vor 60 Jahren in Korea: Invasion des Nordens

Heute vor 60 Jahren, so lautet die offizielle Version, begann der Koreakrieg mit dem „Überfall“ nordkoreanischer Truppen, ihrer Invasion in den Süden, dem Überqueren des 38. Breitengrades. Die Amerikaner und die UNO-Truppen hätten die Demokratie und die Freiheit des Südens verteidigt.

In offiziellen Reden kommt allerdings nicht zur Sprache, dass der CIA und das südkoreanische Verteidigungsministerium schon lange vor dem 25.6.1950 konkrete Hinweise für einen Angriff aus Nordkorea gehabt hatten. Die Invasion kam nicht wie ein „Blitz“ aus heiterem Himmel, sondern sie war das Ergebnis einer vorhergehenden Eskalation und vieler Grenzstreitigkeiten. Eine solche Grenzstreitigkeit, zweifellos mit einem massiven nordkoreanischen Angriff verbunden, fand also vor sechzig Jahren statt. Was machte die Regierung Truman
am 25. Juni, also zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht von einem umfassenden Krieg gesprochen werden konnte, an einem Tag, an dem auch kein offizieller Hilferuf des südkoreanischen Präsidenten vorlag? Sie beantragte den Konflikt vor den Weltsicherheitsrat zu bringen und Nordkorea zum Angreifer zu erklären. Wer heute öffentlich in Südkorea behauptet, der Norden habe den Süden angegriffen, weil er das Land vereinen wollte, riskiert Sanktionen, die bis zu Gefängnisstrafen reichen können.

Nach der Kapitulation Japans am 2.9.1945 besetzte die USA Südkorea. Von einer reinen „Militärverwaltung“ zu sprechen wäre eine Beschönigung. Aber was hatten die Amerikaner eigentlich in Südkorea zu suchen? Wäre das Ende des Zweiten Weltkrieges – und damit das Ende der japanischen Besatzung Koreas – nicht eine günstige Gelegenheit gewesen, das Land den Koreanern zurückzugeben? Die Amerikaner besetzten also das Land aus strategischen Gründen: ein weiteres Vordrängen des Nordens drohte.

Koreakrieg
Statue im Kriegs-Gedenkmuseum in Seoul, Samgakji

Die koreanischen Bauern kamen vom Regen der japanischen Besatzung in die Traufe der amerikanischen Militärregierung. Die amerikanischen Besatzer hielten das Eintreiben von Pachtzinsen der japanischen Kolonialherren bei, sie setzten den vorher freigegebenen Reispreis, als sie sahen, dass ihre marktwirtschaftlichen Experimente fehlschlugen, auf ein Zehntel des Marktpreises und zwangen die Bauern unter Folter zum Reisverkauf, weil sie so hofften, eine Inflation und eine Hungersnot abwenden zu können. Selbst in den bittersten Zeiten der japanischen Kolonialverwaltung gab es keinen so großen Reismangel.

Verteidigung der Freiheit

Ja, Wahlen gab es auch im Süden des Landes, aber es waren keine demokratischen Wahlen. Wir kennen das gut aus der heutigen Politik: Erdreistet sich irgendwo auf der Welt ein Volk eine Regierung zu wählen, die nicht mit den herrschenden Staaten des Westens zu deren Bedingungen kooperieren will, erklärt der Westen diese prompt als undemokratisch oder gar als terroristisch, so dass es den Anschein hat, diese Regierung sei eigentlich gar nicht von den Bürgern des jeweiligen Landes gewählt worden. Der Wahl einer solchen Regierung, die nicht „demokratisch“, „marktwirtschaftlich“ oder „freiheitlich“ (was im Grunde genommen Decknamen für westliche geostrategische und kooperative Wirtschaftsinteressen sind) orientiert ist, will man dann rechtzeitig einen Riegel vorschieben.

So wollten auch am 4. Oktober 1946 die Süd-Koreaner ihre Regierung wählen. Pech war allerdings, dass die amerikanische Militärverwaltung unter Vorsitz des Generals John R. Hodge, vorher unliebsame Politiker verhaften ließ – vor allem solche, die mit dem Norden und der Idee einer unabhängigen Regierung für ganz Korea sympathisierten – , Unterlagen beschlagnahmte, das Erscheinen linksgerichteter Zeitungen verbot, Parteigebäude schließen ließ und damit die Politik der japanischen Kolonialregierung fortsetzte. Von der Etablierung einer Regierung, bestehend aus ehemaligen koreanischen Exilpolitikern, die die verschiedenen Fraktionen des Landes repräsentiert hätten, wollte er nichts wissen.

Heute vor 60 Jahren in Korea: Invasion des Nordens

Heute vor 90 Jahren: Max Weber begeht seinen letzten Lebenstag

Heute vor 90 Jahren, am 14.6.1920, stirbt Max Weber im Alter von 56 Jahren in München. Weber, Professor in Freiburg und Heidelberg, war einer der Gründerväter der modernen Sozialwissenschaft. Getrieben vom Drang zu verstehen, zu ergründen, was die moderne Welt zusammenhält, befasste er sich schon als Jugendlicher mit erkenntnistheoretischen, geschichtlichen und literarischen Problemen. Als Student stürzte er sich mit ungebremstem Wissendurst auf die damaligen nicht-naturwissenschaftlichen empirischen Wissenschaften (vor allem Geschichtswissenschaft und Ökonomie). Von „Hause aus“ war er eigentlich Jurist (Er hatte sich bei dem Mediziner und Juristen Levin Goldschmidt 1889 in Berlin promoviert, Titel der Dissertationsschrift: Die Entwicklung des Solidarhaftprinzips und des Sondervermögens der offenen Handelsgesellschaft aus den Haushalts- und Gewerbegemeinschaften in den italienischen Städten.)

Dies hielt ihn nicht davon ab, seine umfangreichen Kenntnisse in der Geschichtswissenschaft, Erkenntnistheorie, Philosophie, Ökonomie, Religions- und Kirchengeschichte weiter auszubauen. Er hätte gut und gerne in mindestens drei der eben genannten Bereiche wissenschaftlich Fuß fassen können, d.h. einen Lehrstuhl haben können. Um die russische Revolution zu verstehen, lernte er in weniger als drei Monaten so viel Russisch, dass er das Revolutionsgeschehen in den russischen Tageszeitungen verfolgen konnte. Ebenso drang er in verschiedene andere wissenschaftliche Domänen ein, wie die Musiktheorie, die er auch als einen Baustein für seine Modernitätstheorie verwendete. Weiterlesen …

Heute vor 90 Jahren: Max Weber begeht seinen letzten Lebenstag